Ein Leben in Trümmern
JRS peer counsellor accompanies a blind woman to her home after

Ein Leben in Trümmern

JRS Syrien

Damaskus, November 2015 – Seit mehr als viereinhalb Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Und ein Ende des Schreckens ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, die Situation wird fast täglich bedrohlicher, wie im Land lebende Jesuiten berichten. Fassbombenabwürfe des Assad-Regimes, Raketenangriffe der russischen Luftwaffe, die rohe Gewalt der weiter vorrückenden Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) – das Grauen nimmt kein Ende, es treibt immer mehr Menschen in die Flucht. Allein vier Millionen Syrer retteten sich bereits in die Nachbarländer Jordanien, Türkei und Libanon. Hunderttausende haben sich weiter auf den Weg nach Europa gemacht. Was sie alle vereint, ist der sehnliche Wunsch nach Frieden, Stabilität, Sicherheit. Diesen Wunsch teilen sie mit jenen Syrern, die als Vertriebene im eigenen Land schutzlos umherziehen.

 

12 Millionen Syrer auf Hilfe angewiesen
Die UNO spricht von fast acht Millionen Binnenflüchtlingen – mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Und seit Russlands Luftwaffe die Gebiete der Rebellen im Nordwesten bombardiert, verlassen die Menschen auch dort – in den Provinzen Hama, Idlib und Aleppo – ihre heimatlichen Dörfer und Städte. UNO-Angaben zufolge sind inzwischen zwölf Millionen Syrer auf humanitäre Hilfe angewiesen.

 

Verängstigt und müde
Wer in umkämpften Regionen ausharrt, in denen sogar Spitäler bombardiert werden, kann aus Angst vor Gefechten kaum sein Haus verlassen und nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule gehen, berichtet P. Sami Halla SJ aus Aleppo. Die Lage in der seit drei Jahren geteilten, inzwischen von gegnerischen Truppen eingekreisten Metropole beschreibt er als desolat. «Die Menschen sind müde, verängstigt, hoffnungslos.» Immer mehr Bewohner entschlössen sich, ihre Stadt zu verlassen – solange es noch geht. P. Sami Halla arbeitet für den Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS), eine der wenigen Hilfsorganisationen, die noch in Syrien aktiv sind. In Aleppo muss er nun mit deutlich weniger Helfern zurechtkommen. Die Zahl der Freiwilligen hat sich zuletzt von 150 auf 100 verringert.

 

Dramatisch gestiegene Preise
Wie sieht der Alltag jener Menschen aus, die nach wie vor in ihren Heimatorten leben, in Städten wie Aleppo oder Homs? Der ebenfalls für den JRS tätige syrische Jesuit P. Nawras Sammour SJ, 2014 mit dem Schweizer Prix Caritas ausgezeichnet, hat deren Situation unlängst in einem Interview des Flüchtlingsdienstes geschildert. Er berichtet von dramatisch gestiegenen Mieten, die ebenso wie Nahrungsmittel und Medikamente für viele Familien schlicht unbezahlbar geworden seien. Auch die Zerstörung der Häuser und ständige Stromausfälle machten das Leben geradezu unerträglich. Mitarbeiter des JRS – Christen und Muslime – sind im Einsatz, um Hilfsbedürftige mit dem Nötigsten zu versorgen. Sie verteilen Essensrationen, organisieren, so gut es geht, Unterkünfte für Flüchtlinge, und unterrichten die meist traumatisierten Kinder in provisorischen Schulen.

 

Angst vor Raketenangriffen
«Abgesehen von den anderen belagerten Gebieten ist die Situation in der Stadt Aleppo derzeit am schlimmsten, denn dort fehlt es an allem», berichtet P. Nawras. «Die meisten Familien sind auf die Unterstützung angewiesen. Die Mangelernährung trifft jeden.» Die Menschen seien gezwungen, Trinkwasser in Tanks zu kaufen. Eine vierköpfige Familie benötigt mindestens 1000 Liter pro Woche, wofür sie jeweils 3000 syrische Pfund (umgerechnet etwa 15 Euro) aufbringen muss – hinzu kommen noch alle anderen Ausgaben des täglichen Lebens. Die Zivilbevölkerung lebt ausserdem in ständiger Furcht vor Luftschlägen und Mörserangriffen. «Die Granaten können überall einschlagen», so Pater Nawras. Eltern hätten Angst davor, ihre Kinder in die Schule zu schicken. «Angriffe mit schweren Raketen haben die Bewohner des Christenviertels von Aleppo dazu gezwungen, in Schutzräumen Zuflucht zu suchen.» Sie hätten alles verloren und müssten jetzt ein bis zwei Räume für monatlich umgerechnet 100-160 Euro mieten, was dem Gehalt eines Lehrers entspreche. «Die Menschen haben alles verkauft, um zu überleben: Autos, Schmuck und andere Wertgegenstände. Den Syrern, die einst Ersparnisse hatten, geht jetzt das Geld aus.»

 

Schulen beschädigt
Auch die Stadt Homs liegt in Trümmern. Viele Bewohner sind vor den Kämpfen und Bombardierungen geflüchtet. Ihnen fehlt nun ebenfalls das Geld, um ihre Häuser baldmöglichst wieder aufzubauen. An eine Rückkehr sei daher nicht zu denken, so Pater Nawras. Wie er berichtet, sind auch die meisten Schulen durch Granateneinschläge beschädigt worden. Nachts sei es in der Stadt besonders gefährlich, auf die Strasse zu gehen: «Es gibt keinen Schutz und man kann entführt werden.» Für die Menschen sei es schwierig geworden, sich in Homs frei zu bewegen.

Für Pater Nawras ist klar: Die Bürger Syriens sind nicht mehr in der Lage, selber eine Lösung des Konflikts herbeizuführen. «Die Menschen sind ausgelaugt. Der Krieg hat ein Stadium erreicht, das die Kapazitäten des Landes übersteigt.»

 

Amaya Valcárcel (JRS), Elmar zur Bonsen

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